Heilige Familie - Impuls 53

Die wahren Verwandten

Eine Szene des Markusevangeliums (3,31-35) lässt Jesus auf das Kommen seiner nächsten Angehörigen so reagieren:

Jesu Mutter und Geschwister waren gekommen, standen vor dem Haus und ließen ihn zu sich rufen. Um Jesus herum saß eine Volksmenge. Da sagten einige zu ihm: "Deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern sind draußen und suchen dich." Er antwortete ihnen und sagte: "Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Geschwister?" Er schaute sich um, sah sie im Kreis um ihn herum sitzen und sprach: "Ihr seid meine Mutter und meine Geschwister. Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter." (Bibel in gerechter Sprache)

Bedarf es manchmal der Distanz zur Herkunftsfamilie, um den eigenen Weg zu gehen? Seine wahren Verwandten nennt Jesus die Frauen und Männer, die ihm nachfolgen. Ist sein zunächst so familienfeindlich klingendes Wort nicht auch eine Ermutigung für neue Familienformen, die Verlässlichkeit und Beheimatung bieten? Ein nicht biologisch verengter Familienbegriff öffnet den Blick für Klöster und Kommunitäten, für WGs und weitere familiäre Gemeinschaften, deren Lebensformen und Lebensziele Menschen verbinden.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 52

Der Traum von Gottes Großfamilie

Wenn Paulus der Gemeinde in Rom Phöbe als Schwester der römischen Gemeinschaft anempfiehlt, dann tut er dies eindeutig nicht aufgrund einer irgendwie bestehenden leiblichen Verwandtschaft. Er tut es auf der Basis seiner Erfahrungen mit dieser Frau: Sie, die Gemeindeleiterin der Gemeinschaft in Kenchreä hat ihn und andere aufgenommen, sie unterstützt, ihnen Gastfreundschaft gewährt, ja, sie auch in Schutz genommen, wenn es nötig war. Kurz: Wiederholt hat sie Verantwortung übernommen, weil ihr die Verbindung zu denen, die wie sie auf Jesus als den Messias Gottes vertrauten und hofften, so entscheidend wichtig war. Ebenso möge sich jetzt auch die Gemeinschaft in Rom dieser Frau gegenüber verhalten, nicht wie gegenüber einer Fremden, sondern einer Familienangehörigen. So die Empfehlung des Paulus.

Und wir? So eng wie zu paulinischen Zeiten geht es in unseren Kirchen schon lange nicht mehr zu. Bevor wir jemanden 'reinlassen' in den inneren Kreis von Gemeinde und Kirche, schauen wir oft ganz genau hin: Wer ist das? Woher kommt er oder sie? Was denkt sie, woran glaubt er? Vom damals wie heute revolutionären biblischen Traum des Paulus von der Großfamilie ohne Schranken und Grenzen ist wenig übrig geblieben.

Kerstin Schiffner

Zum Nachlesen: Röm 16,1f. und Gal 3,26-28

Heilige Familie - Impuls 51

Ein Herz und eine Seele

Eine Bedarfsgemeinschaft liegt nach dem Sozialgesetzbuch vor, wenn Menschen in Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft zusammen leben. In einem solchen Falle ist das Vermögen aller der zur Bedarfsgemeinschaft gehörenden Personen anzurechnen, um einen möglichen Anspruch auf staatliche Leistungen zu ermitteln. Von Familie ist da nicht die Rede, wohl aber davon, dass Menschen alles miteinander teilen.

Das wiederum ist keine Erfindung des Sozialgesetzbuches - auch keine von Kommunen. Eher schon ist es eine von Kommunitäten, denn: Die Apostelgeschichte erzählt in den Kapiteln 2-5 davon, wie eben dies in Jerusalem geschieht. Die Menschen, die sich hier nach Ostern zusammen gefunden haben, teilen ihr gesamtes Leben, nicht nur das spirituelle, sondern auch das materielle. Dauerhaft und generationenübergreifend Verantwortung füreinander übernehmen - nach dem Duktus der Hauptvorlage kennzeichnet das eine Familie. Also: Eine Familie von Wahlverwandten, ganz im Sinne Jesu, hat sich da gefunden in Jerusalem. Dass sie ein Herz und eine Seele waren (Apg 4,32), heißt biblisch gerade nicht, dass alles eitel Sonnenschein und rosa Wölkchen war, sondern, dass sie ihr Planen und Denken, ihr Leben als Ganzes aufeinander abstimmten.

Kerstin Schiffner

Nachzulesen in der Apostelgeschichte: Apg 2,42-47 ; 4,32-5,11  . Empfehlenswert ist die Übersetzung in der Bibel in gerechter Sprache. Hier müssen Sie das biblische Buch, Kapitel und Vers bei der "Bibelverssuche" eingeben.

Heilige Familie - Impuls 50

Zwischen Vater und Bruder

"Es tut so weh! Mein Bruder Jonatan, du warst mir so lieb!", dieser eine Gedanke drängt sich in Davids Kopf immer wieder nach vorne. Obwohl alle um ihn herum immer wieder betonen, dass Jonatan kein richtiger Bruder Davids gewesen sei.

Jonatan, der Sohn des Königs Sauls, und er David, Sauls Nachfolger, haben eine Wahl füreinander getroffen. Sie haben einander als Brüder gewählt.

David erinnert sich an ihre erste Begegnung:

Nachdem er den Philister Goliat besiegt hatte, wurde er zu Saul gerufen. Künftig lebte er bei Saul und kehrte nicht in das Haus seiner Eltern zurück. Seitdem ist Jonatans Herz untrennbar mit Davids Herz verbunden.

Als König Saul sich schließlich gegen David wandte und ihm immer wieder nach dem Leben trachtete, musste Jonatan immer wieder wählen - zwischen seinem Vater Saul und David, dem Bruder, den er gewählt hatte. Stets entschied er sich für David und beschütze ihn vor Saul. Trotzdem hat Jonatan seinen Vater nie verlassen und beide wurden jetzt in der gleichen Schlacht getötet.

"Mein Bruder Jonatan, du warst mir so lieb!"

Diana Klöpper

Hier können Sie das Klagelied Davids über Jonatans Tod nachlesen.

 

Heilige Familie - Impuls 49

Schwiegertöchter

Am Beginn des Buches Rut stehen Familienkatastrophen. Elimelech aus Betlehem verlässt in einer Hungersnot seine Heimat und findet mit seiner Frau Noomi und den beiden Söhnen Wirtschaftsasyl in Moab. Dort stirbt er und auch seine Söhne sterben, die moabitische Frauen geheiratet hatten, Rut und Orpa. Noomi will nach Betlehem zurückkehren und rät den Schwiegertöchtern in Moab zu bleiben und dort neue Bindungen einzugehen. 

Orpa folgt dem Rat. Rut jedoch bleibt bei ihrer Schwiegermutter und hängt sich an sie genau so, wie nach 1. Mose 2,24 ein Mann an seiner Frau hängt. Sie sagt: „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Rut 1,16). Ruts Solidarität mit der älteren Frau, die zudem einem anderen Volk angehört, wird zu Recht gerühmt. Sie folgt der Schwiegermutter nach Betlehem und sie, die Ausländerin, wird die Stamm-Mutter Davids und Jesu.

Orpa entscheidet sich anders. Sie folgt Noomis Rat und bleibt in Moab. Die Bibel kritisiert das mit keinem Wort. Mit der Treue ist es oft nicht einfach. Rut bleibt Noomi treu, Orpa ihrem Volk. Die Bibel erklärt nicht nur das eine für richtig.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 48

... wie Mutter und Vater

"Und dann singen wir das 'Unser Vater', das ist immer so schön." Und prompt fängt Julia auch noch an zu singen: "Bist zu uns wie ein Vater, der sein Kind nie vergisst, der trotz all seiner Größe immer ansprechbar ist... Vater, unser Vater, alle Ehre deinem Namen. Vater, unser Vater, bis ans Ende der Zeiten. Amen."

Wenn ich mit dieser Gruppe gemeinsam einen Gottesdienst plane, ist es immer das Gleiche: Am 'Unser Vater' geht kein Weg vorbei.

Ich verdrehe die Augen, was nicht ohne Reaktion bleibt: "Du brauchst gar nicht die Augen zu verdrehen. Gott ist der Vater. Das steht so in der Bibel!"

" 'Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich euch.' Das steht auch in der Bibel, im Buch Jesaja." Es ist Tom, der das sagt und dann fügt er leise und bestimmt hinzu: "Ich habe meinen Vater nie kennengelernt. Wenn Gott nur wie ein Vater wäre, dann hätte Gott nichts mit mir zu tun."

Mir wird plötzlich etwas klar: Hier geht es nicht um entweder oder, sondern darum dass ich ein Kind Gottes bin.

Gott ist wie Mutter und Vater für mich und so wie wir uns wünschen, das Männer und Frauen Eltern sein können.

Gott nimmt uns auf die Arme, immer wieder und lässt uns nicht fallen.

Nachzulesen beim Propheten Hosea.

Diana Klöpper

Heilige Familie - Impuls 47

Die Familie der Witwen

Wenn ich als Pfarrerin einen Trauerbesuch mache, dann erwarten mich dort meist Familienangehörige der Verstorbenen. Sie erzählen von dem Menschen, mit dem sie ihr Leben geteilt haben, manchmal bringen sie auch Erinnerungsstücke, lieb Gewordenes, kleine Schätze und Geschenke mit zum Gespräch. Im Erzählen wird der Verlust deutlich; gleichzeitig ist der tote Mensch mit allem, was er oder sie denen um sich herum gegeben und bedeutet hat, ganz präsent.

Als Petrus nach Joppe zum Haus der toten Tabitha, einer Witwe, gerufen wird, geht es ihm ähnlich. Allerdings macht er diese Erfahrung nicht mit Blutsverwandten der Verstorbenen: Andere Witwen kommen zu ihm und zeigen ihm unter Tränen, was Tabitha zu Lebzeiten getan hat, offensichtlich auch zu ihrer Unterstützung.

Wie nahe das Verhältnis dieser Witwengemeinschaft war, ob sie unter einem Dach lebten oder nicht, wird nicht gesagt. Deutlich wird nur: Im Leben sind sie eng miteinander verbunden und haben füreinander gesorgt; der Tod einer von ihnen, sei sie nun Freundin, Nachbarin oder Chefin, reißt ein Loch in ihre Gemeinschaft. Eines, das so groß ist, dass Petrus es nicht aushält? Jedenfalls hat der Tod nicht das letzte Wort. Die Wahl-Familie der Witwen lebt weiter.

Kerstin Schiffner

Hier können Sie die biblische Geschichte nachlesen.

Heilige Familie - Impuls 46

Debora - eine Mutter in Israel

Palmzweige sind ein Symbol für Frieden und Leben.

"Wer ist eigentlich das Kind von Debora?" will Hanna von ihrer Mutter Lea wissen.

Sie sind auf dem Weg zu Debora der Richterin. In der Ferne ist die Deborapalme schon zu sehen. Dorthin gehen die Menschen im alten Israel, die einen Rechtsstreit miteinander haben und Debora spricht Recht für sie. "Wie bitte?", Lea schaut ihre Tochter verwirrt an und Hanna erklärt: "Alle nennen Debora 'Mutter Israels'. Aber ich habe noch nie ein Kind bei ihr gesehen."

Lea bleibt stehen: "Eine Frau muss nicht unbedingt ein Kind geboren haben, um eine Mutter zu sein. Debora ist eine wichtige Frau für uns. Sie ist eine Prophetin, so wie Mirjam die Schwester von Mose. Sie erkennt, was zu tun ist und sie sagt es! Debora ist mutig und klug. Ihr haben wir es zu verdanken, dass wir heute in Frieden leben. Vor vielen Jahren wurde unser Volk unterdrückt und gequält. Alle waren wie gelähmt, bis Debora aufstand. Sie hat dafür gesorgt hat, dass wir uns gewehrt haben. Sie hat unser Volk in die Schlacht geführt und uns darauf vertrauen lassen, dass Gott auf unserer Seite ist. So haben wir uns aus der Unterdrückung befreit.

Debora sorgt für uns. Sie kämpft für Israel. Sie übernimmt Verantwortung - darum ist sie eine Mutter in Israel!"

Die Geschichte der Debora finden Sie im Buch der Richterinnen und Richter Kapitel 4-5.

Diana Klöpper 

Heilige Familie - Impuls 45

Wer gehört dazu?

Alle in dem Raum halten die Luft an. Die Frau, die vor Jesus kniet ist Syrophönizierin. Sie ist Griechin, sie ist keine Jüdin - sie gehört nicht zu ihnen.

Trotzdem hat sie Jesus um Hilfe gebeten: "Meine Tochter wird von einem Dämon gequält - bitte befrei sie davon!" Alle im Raum haben ihre Bitte gehört. Ebenso wie die Antwort Jesu: "Zuerst müssen die Kinder satt werden! Es ist nicht gut das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen!" Es ist eine eindeutige Antwort: Sie - eine Griechin, eine Syrophönizierin - gehört nicht dazu. So, als würde sie bei einer Familienfeier stören.

Betretene Blicke auf den Boden - "Wenn sie doch endlich dorthin ginge, wo sie hingehört!" scheinen einige zu denken.

Aber diese Frau lässt sich nicht einfach wegschicken. Sie will hier dazu gehören: "Herr - auch die Hunde unter dem Tisch essen von Brotkrümeln der Kinder!"

Die kluge Antwort der Frau verändert etwas. Die Grenze, wer dazu gehört und wer nicht, kommt in Bewegung. Jesus ändert seine Meinung: "Der Dämon hat dein Kind freigegeben!"

Die Familie hat ihren Kreis geöffnet, die Mutter und ihre Tochter werden ein Teil von ihnen, sie gehören dazu, auch sie sind Kinder und eingeladen in den Kreis der Familie.

Diana Klöpper

Heilige Familie - Impuls 44

Und die Mutter?

Jakob segnet seine Enkel.

Die Gemäldegalerie in Kassel-Wilhelmshöhe besitzt ein großes Bild Rembrandts von 1656. Es zeigt die Szene von 1. Mose 48: Jakob segnet seine Enkel Efraim und Manasse. Der alte Jakob liegt auf dem Bett und legt die rechte Hand auf einen Enkel, der andere ist dicht dabei. Nahe bei Jakob steht Josef, Jakobs Sohn, der Vater der beiden. Mit im Bild, wenn auch etwas abseits, ist deren Mutter, Josefs Frau. Sie betrachtet die Segenshandlung aufmerksam.

Gerade wenn man Rembrandts Bild vor Augen hat, fällt im Text von 1. Mose 48 etwas auf: Da ist von Jakob und Josef die Rede und von den Jungen, nicht aber von deren Mutter. Als Frau Josefs und als Mutter von Efraim und Manasse ist sie in 1. Mose 41, 50-52 und 46, 20 kurz genannt, erwähnt wird ihr Name Asenat und auch, dass sie eine ägyptische Priestertochter ist. Danach ist von ihr nicht mehr die Rede.

Jakob segnet in jener Szene seine Enkel - den jüngeren vor dem älteren - und er adoptiert sie als seine Kinder. Werden sie Josef weggenommen? Oder soll die ägyptische Mutter der künftigen Ahnherren von bedeutenden Stämmen Israels "entsorgt" werden? Was hätte sie dazu zu sagen? In der Bibel ist sie nicht im Bild. In Kassel schon.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 43

Die Familien des Mose

2. Mose 1-6 erzählt Stationen aus dem Leben des Mose. Würde man ihn nach seiner Familie und Heimat fragen, gäbe er womöglich ganz verschiedene Antworten. "Ich entstamme wie meine Geschwister Mirjam und Aaron einer israelitischen Familie." Das wäre die eine Auskunft. "Eine Tochter Pharaos hat mich adoptiert, ich bin Ägypter", lautete eine andere. "Ich lebe nach der Flucht aus Ägypten seit vielen Jahren in Midian, habe in eine midianitische Familie eingeheiratet und bin dort längst heimisch geworden." Das wäre eine dritte Antwort und alle drei träfen zu.

Mehr als eine Mutter hat Mose, in mehr als einer Familie lebt er. Seine beiden Söhne haben eine nichthebräische Mutter. Mose ist ein Wanderer zwischen den Welten. Und gerade dieser multikulturelle Mose wird Israels großer Befreier und Israels großer Lehrer.

Er hätte sich anders orientieren, hätte an Pharaos Hof sehr gut und als Hirte im Dienst des midianitischen Schwiegervaters recht bequem leben können. Aber das Unrecht, das seinen israelitischen Geschwistern widerfährt, lässt ihn, so schwer ihm das Reden fällt, nicht schweigen. Der Wanderer zwischen den Welten geht einen eindeutigen Weg, den Weg zu Israels Befreiung.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 42

Dies ist mein geliebtes Kind!

Wenn ich sage: "Dies ist mein geliebtes Kind, ich liebe es innig.", heißt das dann, dass ich entweder gar keine anderen Kinder habe oder aber diese mir eben weniger wert sind? Wohl kaum! Ja, ich zeige auf mein Kind! Ja, ich hebe aus der Menge heraus! Aber gerade wenn alle wissen, diese Frau hat noch andere Kinder, dann würden nur wenige vermuten, dass ich nur dieses eine liebe.

Nicht anders in der Bibel. Wenn die Evangelien nach der Taufe Jesu davon erzählen, dass Gottes Geistkraft über Jesus kommt und aus dem Himmel eine Stimme ertönt: "Du bist mein geliebtes Kind, über dich freue ich mich." (Mk 1,11, Bibel in gerechter Sprache), dann heißt das gerade nicht: 'Dies ist mein einziges Kind'. Niemand von den Zuhörenden wäre auf diese Idee gekommen. Alle waren vertraut mit der Rede von Israel als Kind Gottes. Und auch Paulus schreibt selbstverständlich davon, dass wir alle Kinder Gottes sind (Gal 3,26; Röm 8,19).

Die neutestamentlichen Texte betonen Jesu Besonderheit und Einzigartigkeit, aber sie verwenden die Rede vom 'Sohn Gottes' noch lange nicht in der klaren Exklusivität wie christliche Theologie in späterer Zeit es tat.

Kerstin Schiffner

Übrigens: Die Erzählung von der Taufe Jesu lässt sich in allen Evangelien nachlesen: Mk 1,9-11; Mt 3,13-17; Lk 3,21f.; etwas anders Joh 1,29-34 .

Heilige Familie - Impuls 41

Israel: Gottes geliebtes Kind

Als Israel jung war, liebte ich es; aus Ägypten rief ich mein Kind heraus. ...  Ich, ich habe Efraim laufen gelehrt, nahm sie auf meine Arme. Doch sie haben nicht erkannt, dass ich sie heilte. Mit Menschenbanden zog ich sie, mit Stricken der Liebe.

Und ich wurde für sie wie die, die einen Säugling an ihre Wange heben. (Hosea 11,1-4*, Bibel in gerechter Sprache)

Elternliebe gilt als der Inbegriff rückhaltloser, unbedingter Liebe, einer Liebe, die nicht zerbricht, ganz gleich, was das Kind tut. Eine Liebe, die mitgeht, auch ins Dunkel, die Licht und Schatten teilt. Eltern leiden daran, zusehen zu müssen, wie ihre Kinder auf dem eigenen Lebensweg Umwege und Irrwege gehen. Dieses Leiden bricht sich gar nicht selten in hilflosem Zorn Bahn.

Genauso redet die hebräische Bibel von der Liebe Gottes zu Israel. Das ganze Volk steht in der innigen, leidenschaftlichen und konfliktreichen Liebesbeziehung, von Geburt an, also seit der Befreiung aus Ägypten. Ein ganzes Volk als Lieblingskind! Ein ganzes Volk, das zu Gott schreit wie zu einem Vater und wie zu einer Mutter. Dieses Vorrecht ist nicht einem König vorbehalten, auch nicht dem Messias; alle sind Kinder Gottes.

Kerstin Schiffner

 

 

Heilige Familie - Impuls 40

Eine besondere "Single-Existenz"

Israels Gott lebt als "Single". Anders als die allermeisten Gottheiten antiker Religionen ist Gott in der Bibel nicht in eine himmlische Familie eingebunden wie etwa Zeus oder Jupiter, die Väter und Kinder haben und auch eine Ehefrau.

Aber das heißt nicht, dass Gott beziehungslos lebt. Denn auch da gibt es eine familiale Bindung, nämlich eine zum Volk Israel. Sie kann sowohl als Mann-Frau-Beziehung ins Bild gesetzt werden (z.B. Hosea 2; Hesekiel 16; Hesekiel 23) als auch als Vater-Kind-Verhältnis (5. Mose 32,6; Jeremia 31,20). Das Verhältnis von Gott und Volk kann aber ebenso als eine Mutter-Kind-Beziehung beschrieben werden (Jesaja 46,3f; Jesaja 66,13).

Im Alten und im Neuen Testament nennen Menschen Gott "Vater". Wer Gott als Vater und als Mutter bekennt, nimmt alle Menschen als seine und ihre Geschwister wahr. Wenn das keine bloße Formel der Kirchensprache, sondern eine wirkliche und wirkende Überzeugung ist, wird gerade darin deutlich, dass "Familie" kein bloß biologischer Beziehungsraum ist. Die "Heilige Familie" ist dann die Gemeinschaft und Gesellschaft aller Menschen. Auch und gerade, um das zu beherzigen, dürfen wir mit dem "Vater unser" und dem Glaubensbekenntnis Gott unseren Vater nennen - und unsere Mutter.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 39

Lieblingskinder?!

Heutige Eltern reagieren auf die Frage: "Welches deiner Kinder liebst du am meisten?" in der Regel entrüstet. Eine Unverschämtheit schon die Frage allein; denn natürlich sei elterliche Liebe nicht aufteilbar, schon gar nicht hierarchisierbar.

Dagegen heißt es in 1. Mose 25,18 nüchtern: "Isaak liebte Esau, weil er gern Wildbret aß. Rebekka aber liebte Jakob." Der eine liebt den einen Sohn mindestens auch aufgrund seiner Vorliebe für das von ihm gejagte Fleisch. Die andere liebt den anderen Sohn, grundlos, jedenfalls wird kein Grund genannt.

Ist das nun schrecklich oder ehrlich? Oder schrecklich ehrlich? Hand aufs Herz: Wie viele Eltern wissen auch heute, wenn sie es wagen, genauer hinzuhören, eben doch von einer besonderen Nähe zu einem ihrer Kinder zu erzählen? Macht sie das automatisch zu schlechteren Eltern?
Immerhin: Jakob und Esau sind beide geliebt. Jeder Sohn ist geliebt, die Eltern teilen sich die Liebes-Verantwortung. Längst nicht alle Kinder können das mit Sicherheit für sich sagen und erleben.

Natürlich hat jedes Kind das Recht auf unbedingte, uneingeschränkte Liebe. Und in einer heilen Welt gäbe es kein Kind, das auf die Liebe eines oder gar beider Elternteile verzichten muss...

Kerstin Schiffner

Heilige Familie - Impuls 38

Ehrenmord?

1. Mose 34 erzählt eine furchtbare Geschichte. Jakobs Familie hat sich bei der Stadt Sichem angesiedelt; ein friedliches Zusammenleben mit der nichtisraelitischen Mehrheitsbevölkerung scheint möglich. Dann aber beginnt eine Kette von Gewalt. Der Sohn des Stadtfürsten liebt Jakobs Tochter Dina, doch statt um sie zu werben, nimmt er sie sich mit Gewalt. 

Dinas Brüder verhandeln mit Sichems Leuten und bieten zum Schein die Verschwägerung beider Völker an. Dazu aber, fordern sie, müssten Sichems Männer sich beschneiden lassen. Die rechnen auf eigenen Vorteil und gehen darauf ein. Sichems Männer werden beschnitten und Jakobs Söhne Simeon und Levi fallen über die vom Wundschmerz Geschwächten her und töten alle. Das friedliche Zusammenleben zerbricht in Gewalt und Gegengewalt.

Ein biblischer Ehrenmord? Rache für die geschändete Schwester? Oder rächen sie eher die verletzte eigene Mannesehre? Die Erzählung überlässt es den Lesenden, ihr Tun zu bewerten; sie verzichtet auf ein letztes Urteil. Und sie verzichtet auf noch etwas: Im ganzen Kapitel kommt überraschender Weise Gott an keiner Stelle vor. Auf Gott darf sich nicht berufen, wer im Namen der Ehre Menschen Gewalt antut.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 37

Wider das Vergessen: Scheila, die Tochter Jiftachs

Jedes Jahr ziehen die Töchter Israels hinauf und gedenken der Tochter Jiftachs. Einen Namen allerdings erhält die junge Frau erst in der nachbiblischen jüdischen Tradition: Scheila. Die Bibel lässt sie namenlos bleiben: Sie, die zum Opfer des Sicherheitsdenkens ihres Vaters wird, der in einem  wohl gedankenlosen Gelübde Gott verspricht, das erste, was ihm bei seiner Heimkehr aus der Schlacht aus dem Haus entgegen kommt, als Opfer darzubringen. Sie bleibt bei all den anderen namenlosen Opfern von Gewalt, die so schnell in Vergessenheit geraten.

Eltern haben kein Recht darauf, ihre Kinder irgendwem oder irgendeiner Sache, Überzeugung oder Ideologie zu opfern. Tun sie es doch, haben die Kinder allein keine Chance sich zu wehren. Sie können nur den winzigen Spielraum nutzen, den ihnen die Strukturen lassen. Und eben dies tut Jiftachs Tochter: Die letzten Monate ihres Lebens verbringt sie nicht mit ihm, nicht mit ihrer Bluts-Familie, sondern mit ihren Freundinnen, der von ihr gewählten Familie. Und eben diese Familie lässt sie auch nach ihrem Tod nicht im Stich: Jahr für Jahr erzählen sie, ihre Töchter und Tochtertöchter Scheilas Geschichte.

Kerstin Schiffner

 

 

Heilige Familie - Impuls 36

Isaak: Doch ein Opfer?

"Isaaks Opferung" - so lautet manche Überschrift von 1. Mose 22. Nein, er wird nicht geopfert! Im entscheidenden Moment zeigt sich: Gott will kein Menschenopfer. Doch da ist Gottes eigener Konflikt zwischen Macht und Güte. Wie kann Gott Gehorsam fordern und zugleich das Leben gegen den Kadavergehorsam stellen? Abraham, so möchte ich es lesen, verstand das Problem. Er folgt dem Befehl der Gottheit, den Sohn zu opfern. Eben so zwingt er sie, sich als Adonaj, als Israels Gott zu erweisen, der Menschenopfer nicht und niemals will. Und Adonaj erweist sich als Gott, der und die das Menschenopfer nicht will. An Isaaks Stelle wird ein Widder geopfert. So bleibt es eine bedrückende und wird zuletzt auch eine befreiende Geschichte.

Nein, Isaak wird nicht geopfert. Aber wird er nicht doch ein Opfer, ein Opfer der großen "Lösung" zwischen Gott und dem Vater? Er wird, liest man im 1. Mosebuch weiter, kein eigener Mensch. Fast all sein Erleben wiederholt die Geschichten des Vaters, und wo es um ihn selbst geht, wird er betrogen.

Hüten wir uns, das Leben unserer Kinder aufs Spiel zu setzen. Nicht einmal die letzten Fragen von Wahrheit und Glauben taugen dafür zum Vorwand.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 35

Noah, der Schweiger

Gott kündigt Noah die Flut an. Allein er und seine Familie sowie Tierpaare aller Gattungen sollen überleben. Noah schweigt. Gott heißt ihn die Arche bauen - Noah tut es und schweigt. Das Opfer nach der Flut, nach dem Gott der nur noch zweitbesten aller Welten die Erhaltung zusagt, bringt Noah schweigend dar. Gott schließt einen Bund mit Noah und seinen Nachkommen und mit allen Lebewesen. Noah schweigt. Stattdessen wird er sich bis zur Bewusstlosigkeit betrinken. Sucht er in Alkohol und Schlaf Vergessen? Wie kann die Familie damit umgehen?

Ham sieht den betrunkenen und entblößten Vater im Zelt und erzählt das seinen Brüdern Sem und Jafet. Die bedecken den Vater, ohne ihn mit Blicken zu demütigen. Vom Rausch erwacht spricht Noah. Und seine einzigen Worte erschrecken wie sein Schweigen. Ham wird verflucht. Was hat er Böses getan? Er hat die elementare Sohnespflicht verweigert, den Vater entblößt liegen lassen und noch darüber getratscht.

Und heute? Die bekannten Zeitschriften, die man ja angeblich allenfalls mal beim Arzt oder Friseur liest, machen alles Private öffentlich. Der archaische Fluch könnte mir da fast sympathisch werden.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 34

Was für ein Stammbaum?

Ein guter Stammbaum erhöht den Marktwert. Das wissen nicht nur Hundezüchter. Auch Menschen werden anders beurteilt, wenn sie eine gute Abstammung vorzuweisen haben. Welche Schwiegermutter in spe ist nicht stolz, wenn sie erzählen kann: "Meine zukünftige Schwiegertochter kommt aus gutem Haus." Und wenn nicht getuschelt wird: "Ihre Mutter hat ja noch zwei andere Kinder, aber jedes von einem anderen Mann."

Wer sind meine Vorfahren? Von wem stamme ich ab? Das hat Menschen durch die Jahrhunderte mal mehr - mal weniger stark bewegt. Zu biblischer Zeit eher stärker. Aber was sollen Christen vom Stammbaum ihres Herrn Jesus halten? Er hat übrigens gleich zwei. Der Evangelist Lukas verfolgt Jesu Abstammung zurück bis zu Adam und Gott. Der Evangelist Matthäus beginnt mit Abraham und endet bei Josef und Maria. Alles in allem eine Familiengeschichte, bei der jeder vernünftige Mensch gesagt hätte: "Schweigen wir lieber drüber! Lauter schillernde Gestalten!" So soll Jesus abstammen vom Betrüger Jakob, von David, der Salomon mit der Frau eines anderen zeugte, und vom Gewaltmenschen Lamech.

Jesus ist nicht einfach nur Gottes Sohn. Er hat eine Familiengeschichte, auf die er nicht nur stolz sein kann, die aber zeigt: Familie legt einen nicht fest - weder im Guten noch im Schlechten. Das lässt hoffen: Die einen haben wir im Blut, auf den anderen sind wir getauft.

Christa A. Thiel

Heilige Familie - Impuls 33

Eine unmoralische Geschichte?

"Sie hat gerechter gehandelt als ich", sagt Juda über seine Schwiegertochter Tamar (1. Mose 38,26). Ein erstaunlicher Satz in einer erstaunlichen Geschichte! Judas erster Sohn, mit Tamar verheiratet, ist früh gestorben. Nach biblischem Recht soll nun dessen Bruder Onan für den Toten mit der Witwe Nachkommen erzeugen, doch er will das nicht und lässt, wenn er mit Tamar schläft, seinen Samen zu Boden fallen. Auch Onan stirbt - nicht wegen einer verbotenen Sexualpraxis, sondern weil er unsolidarisch handelt. Nun wäre Judas Jüngster an der Reihe, aber Juda schickt Tamar fort und missachtet so ihr Recht, in dieser Familie ein Kind zu bekommen.

Und dann handelt Tamar. Sie verkleidet sich als Hure und schläft mit ihrem Schwiegervater Juda. Der verpfändet als Dirnenlohn seinen Siegelring. Als er hört, Tamar habe gehurt und sei auch noch schwanger geworden, will er sie verbrennen lassen. Da weist Tamar das Siegel vor. Schwanger sei sie von dem Mann, dem das gehöre. Juda erkennt: Er selbst ist dieser Mann. Und dann sagt er: "Sie hat gerechter gehandelt als ich." Die Geschichte lehrt: Solidarität kann wichtiger sein als Moral. Und Juda lernt von Tamar: Er muss Verantwortung übernehmen für das, was er tut und was er nicht tut.

Jürgen Ebach

Hier können Sie die biblische Geschichte von Tamar und Juda nachlesen.

Heilige Familie - Impuls 32

Er ist doch dein Bruder!

Amnon ist tot - Ich fühle nichts bei diesem Gedanken. Ich bin schon lange tot - lebendig begraben im Haus meines Bruders Abschalom. Abschalom ist fort - geflohen vor unserem Vater, dem König David. Denn Abschalom hat Amnon töten lassen. Hat er das etwa für mich getan?

Mit einer Nachricht fing alles an: 'Amnon ist krank. Er lässt fragen, ob Du ihn pflegen kannst.' Das war Teil seines Plans gewesen. Er wollte mit mir allein sein, mit mir seiner Schwester. Ich erstarrte als ich seine Worte hörte: "Ich liebe Dich Tamar! Schlaf mit mir!" "Nein, Amnon! Nein! Was wird aus mir, wenn Du das tust?" beschwor ich ihn förmlich. Er war stärker. Er vergewaltigte mich. Dann war von Liebe keine Rede mehr. Im Gegenteil: Er hasste mich. Wie den Müll warf er mich hinaus auf die Straße!

Ich zerriss meine Kleider! Vor seinem verschlossenen Haus saß ich und schrie! So fand Abschalom mich. Er zog mich auf die Füße und ich hörte ihn sagen: "Schweig still meine Schwester! Er ist doch dein Bruder. Er meint es nicht so." Amnon war mein Bruder- ein Mensch meinesgleichen, ein Vertrauter. Mein Bruder. Amnon ist tot und Abschalom fort.

Und David, der große König, er trauert um Amnon, seinen Sohn. Trauert er auch um mich, um Tamar, seine Tochter?

Diana Klöpper

Hier können Sie die biblische Geschichte von Tamar und Ammon nachlesen.

 

 

Heilige Familie - Impuls 31

Sehr gerne, Oma!

Meine Schwiegermutter hat wirklich Glück gehabt. Bei dem Sturz hätte es auch anders ausgehen können. Da sind wir mit einem halben Jahr Pflege zuhause noch gut bedient.

Und wir bekommen es auch gut hin - alle zusammen, auch unsere zwei jugendlichen Kinder, mein Schwiegervater und Freundinnen und Nachbarn.

Meine Tochter Johanna hat einen "Dienstplan" gemacht, in den wir uns eintragen.

Meine Schwiegermutter spart nicht an Dank. Das ist mir  immer unangenehm: "Da nicht für!" sage ich dann.

Bis ich eines Abends höre wie meine Tochter sagt: "Sehr gern geschehen Oma!"

Was für eine schöne Antwort! In ihr wird deutlich, dass der "Dienst", den wir leisten, ein Geschenk ist, etwas, das wir freiwillig tun. Und zugleich wird deutlich, dass wir etwas leisten. Oft ist es auch eine Anstrengung oder ein Verzicht, auf freie Zeit zum Beispiel.

Dieses Geschenk geben wir gern.

Es ist leicht, weil die Zeit überschaubar ist, bis meine Schwiegermutter wieder aufsteht. Andernfalls wäre es viel schwieriger. Dann bliebe wohl nur die Anstrengung. Dann müssten wir uns anders organisieren, professioneller.

Aber so ist es (noch) nicht.

Wenn sich meine Schwiegermutter jetzt bedankt, sage ich: "Gern geschehen!"

Wie die Schwiegermutter des Petrus geheilt wird und sich bedankt, lesen Sie in Mk 1,29-31. 

Diana Klöpper

Heilige Familie - Impuls 30

Unsere Mütter und Väter

Seit ich denken kann, begleitet mich die Frage, wie wir denn umgehen wollen mit unserer Geschichte, mit den Gräueltaten, die unsere Vorfahren vor nicht einmal einhundert Jahren begangen haben. An nichts davon war ich beteiligt, selbst meine Eltern sind viel zu jung - und doch: Weil es zu uns allen gehört, gehört es auch zu mir, zu meiner Familie. Natürlich: kein Kind soll für die Vergehen seiner Eltern büßen müssen. Diese Überzeugung oder Sehnsucht teile ich mit der im Ezechiel- und Jeremiabuch überlieferten Verheißung:

"Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel."

Individualgeschichtlich wünsche ich jedem einzelnen Menschen: Er und sie möge nur für das gerade stehen müssen, was sie oder er selbst getan oder unterlassen hat! Wie oft faktisch anderes geschieht, wie oft faktisch Strukturen von familialer Gewalt und Unterdrückung den Kindern das Leben schwer bis unerträglich machen, bleibt trotzdem schmerzlich bewusst. Aber was ist mit den anderen Erfahrungen, denen, die den Rahmen der Einzelbiographie sprengen? Ist es da nicht vielleicht doch wichtig, die "sauren Trauben" nicht zu vergessen, auch mit Hilfe von Fernsehdokumentationen - gerade, damit wir nicht abstumpfen?

Kerstin Schiffner

Heilige Familie - Impuls 29

Schuld der Väter? Schuld der Eltern?

In den Zehn Geboten heißt es nach der Lutherbibel, Gott suche "die Schuld der Väter" heim bis in die dritte und vierte Generation (2. Mose 20,5; 5. Mose 5,9). Gott prüft, ob sich die Schuld früherer Generationen bei den späteren fortsetzt. Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt in 2. Mose 20,5: "Ich gehe der Schuld der Vorfahren an ihren Kindern nach" und spricht in 5. Mose 5,9 von der "Schuld der Eltern".

Väter, Eltern oder Vorfahren? Der hebräische Wortlaut lässt alle drei Wiedergaben zu. Aber was besagen sie?

"Schuld der Väter" - das verstehe ich in meiner Generation vor allem politisch-geschichtlich. "Schuld der Eltern" höre ich dagegen vor allem familiengeschichtlich. Wir tragen die Geschichte unserer Eltern und Großeltern mit und in uns und können deren Schattenseiten nicht einfach entsorgen. Aber vielleicht gibt es auch da eine besondere Schuld der Väter. Sie kann in patriarchaler Herrschaft bestehen, aber auch - in der Bibel und heute - in ihrem Schweigen und ihrer Abwesenheit. 

"Schuld der Väter", "der Eltern" oder der "Vorfahren"? Was ist richtiger? Viel wichtiger finde ich die Frage, worauf welche der möglichen Übersetzungen aufmerksam macht.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 28

Vergessen und verschwiegen: die Kinder der Ketura

Nach den Familienverhältnissen Abrahams gefragt, würden auch viele durchaus bibelfeste Menschen wohl auf Sara und Hagar samt deren Söhnen Isaak und Ismael kommen. Nur den wenigsten aber ist bewusst, dass, wenn auch nur in wenigen Versen, auch noch von einer weiteren, diesmal mit sechs namentlich genannten Söhnen gesegneten, Verbindung Abrahams die Rede ist: "Abraham aber machte weiter und nahm sich eine Frau, ihr Name war Ketura", heißt es lapidar in 1. Mose 25, Vers 1 in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. Ganz legal diese Verbindung, nichts Anrüchiges - und doch: Diese Kinder geraten völlig in Vergessenheit. Dafür sorgt ihr Vater selbst noch vor seinem Tod, indem er sie auszahlt und wegschickt.

Der Text sagt, Abraham habe um Isaaks willen so gehandelt, von ihm habe er die anderen fernhalten wollen. Warum? Welche Gefahr wäre denn von ihnen ausgegangen, den Geschwistern, den Kindern seines Vaters mit einer anderen Frau? Die Kinder der Ketura jedenfalls vollziehen die Trennung konsequent: Beim Begräbnis ihres Vaters sind sie anders als Isaak und Ismael nicht erwähnt.

Was bringt einen Vater dazu, nacheinander alle ihm geborenen Kinder gleichsam 'in die Wüste' zu schicken?

Kerstin Schiffner

Hier lesen Sie von den Kindern der Ketura.

Heilige Familie - Impuls 27

Wenn Brüder kämpfen

"Der Klügere gibt nach!" Esau erstarrt! Im Vorbeigehen hat er gehört, wie die Frau ihren Sohn ermahnte, der mit dem kleineren Bruder um eine Süßigkeit stritt.

Plötzlich ist alles wieder da: Er und sein 'kleiner' Bruder Jakob sind schon erwachsen gewesen und stritten schon längst nicht mehr um Süßigkeiten...

Am Ende hat Jakob ihm den Segen ihres Vaters gestohlen, so wie er ihm vorher schon den Vorrang des Erstgeborenen abgeluchst hatte.

'Ich habe keinen Segen mehr für Dich, Esau!', die Worte des Vaters tönen wieder in seinem Ohr. Er hat geschrien und seinen Vater um einen Segen angefleht, aber es ging nicht. Jakob hatte alles bekommen und er nichts.

Jakob und er sind Zwillinge, schon im Bauch ihrer Mutter haben sie miteinander gekämpft. Hätte Jakob nicht nachgeben müssen? Er, als der Klügere von ihnen? So sahen ihn doch alle!

Jetzt ist Jakob weg. Er, Esau, hat doch die Verantwortung des Erstgeborenen. Und oft fragt er sich: Habe ich Jakobs Betrug 'gebraucht' um dieser Verantwortung gerecht zu werden? Habe ich vorher alles zu gering geachtet? Eben nicht mehr wert als ein Linsengericht.

Hätte der kluge Jakob nachgegeben, hätte sich dann womöglich die Dummheit durchgesetzt?

Diana Klöpper

 

Hier können Sie die Geschichte der Brüder Jakob und Esau nachlesen

Heilige Familie - Impuls 26

Er ist doch immer da gewesen!

Jüdischer Friedhof vor den Toren Jerusalems

Er ist doch immer da gewesen - Lazarus, ihr großer Bruder!

Sie hat ihn bewundert! Sie ist neidisch gewesen! Sie hat mit ihm gelacht und geweint! Manchmal hat sie ihn auch verabscheut - aber er ist immer da gewesen! Dass er einmal nicht mehr da sein könnte - unvorstellbar...

Marias Blick wandert durch den Raum zu Martha, ihrer Schwester. Was sie wohl denkt? Martha ist auf Weg nach draußen, um Jesus entgegen zu gehen. Bevor sie das Haus verlässt, hört Maria sie sagen: "Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am letzten Tag!" Dann verlässt Martha das Haus.

"Auferstehung", denkt Maria bitter, "ist das mein Trost? Tröstet das Martha? Mich tröstet es nicht!"

Plötzlich steht Martha neben ihr: "Maria, Jesus ruft dich!"

Sofort steht Maria auf. Sie rennt nach draußen - zu Jesus: "Wenn Du früher hier gewesen wärst, dann würde mein Bruder jetzt noch leben!" Sie wirft sich vor ihm auf die Erde. All ihre Trauer wirft sie ihm vor die Füße - soll doch er etwas daraus machen!

Und ihre Trauer verwandelt sich in Leben.

Diana Klöpper

Hier können Sie die biblische Geschichte nachlesen.

 

 

Heilige Familie - Impuls 25

Wenn du geredet hättest, Abel!

"Kain, großer Bruder, du bist zornig und dein Gesicht hat sich gesenkt. Ich versteh dich. Gott nahm dein Opfer nicht an, deine Feldarbeit blieb erfolglos. Meine Tiere warfen dagegen prächtig. Du hast nicht weniger gearbeitet als ich und gingst doch leer aus.

Ich verstehe deine Wut. Aber warum richtet sie sich gegen mich? Weil ich erfolgreicher war als du? Natürlich gebe ich dir von meinen Ertrag ab. Es reicht für uns beide. Vielleicht kannst du deinen Vegetarismus ja etwas weniger genau nehmen.

Und noch etwas. Wie oft musste ich mir anhören, wie stolz unsere Mutter war, als sie dich gebar. Als Schöpferin verstand sie sich, in deinem Namen erklingt ihr Stolz. Und mein Name? Ein Hauch, ein Furz. Ich will kein geborener Verlierer sein und du sollst kein vom Leben betrogener Verlierer werden.

Ich will dein Bruder sein - schlag mir nicht darum den Schädel ein! Du bist stark genug mich zu töten. Aber du kannst mich nicht beseitigen. Man wird deinen Namen nie nennen ohne meinen. Lass uns gemeinsam streiten für eine Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann, in der Hirten und Bauern zusammen leben können - und unterschiedliche Geschwister auch!"

Jürgen Ebach

Hier lesen Sie die Geschichte der Brüder Kain und Abel.  

Heilige Familie - Impuls 24

Zerrissen zwischen Herkunfts- und Sehnsuchtsfamilie: die junge Frau im Hohelied

"Du musst dich entscheiden: er oder wir!" So direkt kann es gehen, wenn leibliche Verwandte eine Beziehung nicht zu tolerieren willens oder imstande sind. Oft läuft es viel subtiler ab, dadurch nicht weniger druckvoll, nicht weniger belastend für die Betroffenen.

Das Hohelied besingt die Liebe zweier junger Menschen, die ihrer Sehnsucht nach einander, ihrem Verlangen - ja, auch ihrem Schwärmen füreinander -  freien Lauf lassen. Aber wie Dissonanzen in diesem Lied erscheinen die Redeanteile der jungen Frau, in denen sie - kurz, knapp, oft nur in Andeutungen - vom Ringen mit ihrer Herkunftsfamilie, vor allem ihren Brüdern erzählt. Wenig Raum nimmt die Position der Brüder ein und doch ist sie massiv. 'Gewinnen' die Brüder am Ende womöglich? Mit ihrem letzten Ausruf jedenfalls fordert sie ihren Geliebten auf zu fliehen. Alle Liebe, alle Sehnsucht und Leidenschaft scheinen gegen den Druck der Familie nichts ausrichten zu können.

Und die Mutter? Welche Rolle spielt sie in diesem Ringen? Zwar ist sie gegenwärtig, wenn die junge Frau vom 'Haus meiner Mutter' singt. Ihre Stimme aber ist nicht zu hören.

Kerstin Schiffner

Tipp:

Lesen Sie das Hohelied in der Bibel in gerechter Sprache (2006), übersetzt von Ulrike Eichler!

Heilige Familie - Impuls 23

Einmal große Schwester, immer große Schwester?!

Mirjam spürt ihren Tod nahen. Nicht mehr lange wird sie, die Prophetin, für die Menschen in der Wüste da sein.

Bald schon wird sie gehen und sie allein lassen müssen, sie alle und ganz besonders Mose, ihren Bruder, der für sie immer der 'kleine Bruder' geblieben ist, genauso, wie sie die 'große Schwester' blieb: Von Anfang an hat sie ein Auge auf ihn gehabt, schon am Nilufer: Statt nur zu beobachten, hat sie ihre eigene Mutter als Amme vermittelt, ihnen als Familie kostbare gemeinsame Zeit gesichert. Und so immer weiter: Zwischen Schilfufer und Schilfmeer sind zwar Jahre vergangen, aber auch hier hat sie gewacht, neuen Lebensgeist in den erschöpften Flüchtlingen geweckt mit ihrem Lied vom Schilfmeer.

Zu dritt haben sie dann das Volk in der Wüste angeführt, sie, Mose und Aaron; gegenseitig haben sie sich ermutigt. Nach und nach aber hat Mose die Rolle des 'Oberanführers' übernommen. Ihr Versuch, mit ihm darüber zu reden, ist gescheitert. Aber auch das war doch Teil ihrer Rolle: den Konflikt nicht zu scheuen! Auch das gehört doch dazu, zu ihrer Lebensaufgabe 'große Schwester'?

Kerstin Schiffner

Zum Nachlesen:

Die kollektive Rettungsaktion (2. Mose 2,4-8)

Das Lied der Prophetin (2. Mose 15,20f)

Gleichberechtigte Führung (Micha 6,4)

Auseinandersetzung in der Wüste (4. Mose 12)

Mirjams Tod (4. Mose 20,1)

Heilige Familie - Impuls 22

Der Mantel des Vaters

Der Prophet Elia ist "Single", er hat keine Frau und keine leiblichen Kinder. Und doch nennt die Bibel ihn "Vater" und seine Schüler nennt sie "Söhne". Prophetengruppen scharen sich um einen Lehrer und man versteht sich als eine Familie, so wie es in Klöstern die Mutter Oberin und die Schwestern gibt oder Väter (Patres) und Brüder (Fratres). Elischa, einer der "Söhne" Elias, wird sein Nachfolger. Bevor Elia in den Himmel entrückt wird, erbittet sich Elischa einen großen Teil der Geistkraft des "Vaters" und er bekommt Elias Mantel.

Den Mantel eines Toten tragen? Solange mein Vater lebte, hätte ich sehr ungern eines seiner Kleidungsstücke getragen. Als er gestorben war, tat ich es gern. Da wurde etwas von seinem Leben zu meinem. Aber manchmal sind die Schuhe des Alten viel zu groß, und in ihnen zu gehen wird zum Kraftakt oder zur peinlichen Kopie. Bei Elischa gibt es beides: die Kraft des Vaters, die auf ihn übergeht (2. Könige 2,13-15), aber auch ein unverantwortliches Umgehen mit solcher Kraft (2. Könige 2,23-25).

Die abtretende Generation soll das Leben der nachfolgenden nicht bestimmen. Doch ihr einen wärmenden und schützenden Mantel mitgeben zu können, wäre wunderbar.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 21

Weil ich sein Sohn bin ...

In der Krankenhauskantine: Pfleger Andi redet sich gerade in Rage: "Und der Sohn? Der kümmert sich einen Dreck um seinen alten Vater! Letzte Woche war er doch tatsächlich mal da - nach sechs Wochen das erste Mal! Dabei wohnt der hier in der Stadt." Meine Gedanken wandern zurück zu meiner Begegnung mit diesem Sohn, genau hier oben in der Cafeteria mit Blick über die Stadt.

Dort hat er gesessen und aus dem Fenster gestarrt, als ich mich zu ihm setzte. "Sicher wollen Sie mir ins Gewissen reden, weil ich mich nicht um meinen Vater kümmere. 'Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir's wohlgehe und du lange lebst Erden' (2. Mose 20, 12). Ja, ich kenne das vierte Gebot. Ein gutes Gebot - ein Generationenvertrag. Jede Gesellschaft ist nur soviel wert, wie sie mit ihren Alten und Kindern umgeht."

Er dreht sich zu mir um: "Über 40 Jahre habe ich nichts von meinen Eltern gehört, bis der Brief mit der Zahlungsaufforderung kam. Nach dem Tod meiner Mutter konnte mein Vater nicht allein in der Wohnung bleiben. Ich zahle für ihn, seit er in diesem Pflegeheim lebt, denn ich bin sein Sohn. Und ich versorge meine Pflegeeltern - sie sind meine Eltern!"

Diana Klöpper

Heilige Familie - Impuls 20

Ein faszinierendes Paar

Elena kann den Blick nicht von diesem Ehepaar lassen. Prisca und Aquila ziehen sie in ihren Bann. Elena genießt die Treffen bei den beiden. Seit kurzem gehört sie zu der kleinen Christengemeinde in Ephesus. Es fasziniert sie, wie das Ehepaar von dem neuen Glauben redet. Es fasziniert sie aber fast noch mehr, wie sie diesen Glauben leben. Sie scheinen kein bisschen mit ihrem Schicksal zu hadern. Dabei haben sie es als Flüchtlinge wirklich nicht leicht gehabt.

Als Juden mussten sie unter Kaiser Claudius Rom verlassen. Sie zogen nach Korinth und lernten den Missionar Paulus kennen. Paulus arbeitete bei Aquila als Zeltmacher und wohnte bei dem Ehepaar. Als Paulus von Korinth weiter nach Jerusalem reist, haben sie ihn bis Ephesus begleitet. Elena hat gehört, die beiden sollen für Paulus ihr Leben riskiert haben, als er in Bedrängnis geriet. Mutig die beiden! Mutig auch, wie sie Apollos angesprochen haben. Als sie ihn in der Synagoge predigen hörten, meinten sie, ihm noch etwas beibringen zu können. Jetzt wohnt er bei ihnen und sie unterrichten ihn.

Prisca und Aquila, immer werden sie in einem Atemzug genannt. So eine Beziehung wünscht sich Elena. Woher nehmen die beiden die Kraft? Ist es ihre Beziehung? Ist es ihr Glaube? Ist es beides?

Christa A. Thiel

Heilige Familie - Impuls 19

Nie mehr allein sein! Gedanken Marias

Unerwartet ist er zu ihr gekommen, unverhofft und unerklärlich: Dass er gehen würde und dass ihr das weh tun würde, ist ihr von Anfang an klar gewesen (Lk 2,35). Aber was tut sie jetzt hier? Mitten unter denen, die ihm zu Lebzeiten nachgefolgt sind? (Apg 1,14) Wird sie es jemals glauben können? Wird sie glauben können, dass ihr Sohn von Gott selbst auferweckt worden ist und nun zu ihm gegangen ist?

Sie weiß nur: Allein hält sie es nicht mehr aus. Zu weh hat es getan, ihren ältesten Sohn sterben zu sehen. Sie braucht die anderen, braucht das Zusammensein mit ihnen, um weitermachen zu können, um nicht zu verzweifeln. Hilflos hat sie zusehen müssen, wie er sich um Kopf und Kragen geredet hat, wie die Menschen ihm zuströmten, wie er Hoffnung in ihnen weckte. Und genauso hilflos hat sie daneben stehen müssen, als die Römer ihn zum Terroristen-Tod am Kreuz verurteilt haben. Aber allein lassen würde sie ihn nie, das hat sie sich geschworen, als der Engel ihr seine Geburt angekündigt hat - und das Versprechen hat sie gehalten, bis zum heutigen Tag. Zu Lebzeiten hat er seine Schwierigkeiten mit ihnen, mit seiner Herkunftsfamilie, gehabt. Ja, aber nun sind sie hier alle zusammen, seine leiblichen Verwandten und die, die er immer seine Familie genannt hat.

Kerstin Schiffner

Heilige Familie - Impuls 18

Wo kämen wir denn da hin, wenn das alle täten?!

Die Geschichte Waschtis, der Gattin des Königs Ahaschverosch, ist das, was sich unter der Überschrift ‚ein Exempel statuieren‘ trefflich erzählen lässt: Nicht so sehr um sie als Person geht es, vielmehr um die Angst der versammelten Herren davor, was geschehen könnte, wenn das Beispiel Waschtis Schule mache.

Wovor diese Herren solche Angst haben? Ganz einfach: Vor dem ‚Nein!‘ einer Frau. Waschti weigert sich, zusammen mit den anderen wertvollen Besitztümern ihres Mannes zum Erweis seines Reichtums, seiner Macht, zur Schau gestellt zu werden. Sie widersetzt sich seinem Befehl, kommt nicht, als sie gerufen wird, will nicht (länger?) ob ihrer Schönheit zur Trophäensammlung des Königs gerechnet werden.

Der hilflos-zornige König erhält von seinen Ratgeber den Rat, er möge hart gegen Waschti vorgehen, sie verstoßen und sich eine andere Frau suchen – nicht, dass das Beispiel der Waschti Schule mache und sich nun die Frauen in allen Provinzen gegen ihre Ehe-Herren auflehnten.

Welche Angst vor einer einzelnen Ehe-Frau! Welche Bedeutung sie ihr eben damit zusprechen!

Kerstin Schiffner

Heilige Familie - Impuls 17

Ersatzkinder?

Friedhöfe in Ostfriesland, alte Grabsteine mit für uns oft seltsamen Namen. Mehrfach sehen wir das Grab eines früh verstorbenen Kindes und daneben das seines viel später verstorbenen Bruders mit demselben Vornamen. Da war ein Tjark oder Menno als Kind gestorben und dann war da sein jüngerer Bruder, ein neuer Tjark oder Menno.

Was für eine große Zuversicht! Es soll einen Sohn geben, der Menno heißt. Das Unglück eines frühen Todes hindert nicht, dass es einen Menno geben wird, der die Familie fortsetzt. Der Tod soll nicht das letzte Wort haben und keinen Namen in Besitz nehmen. Aber wird der spätere Menno sich nicht immer als Ersatz für den toten Bruder fühlen? Und überhaupt: Kann ein Kind ein anderes ersetzen?

1. Mose 4,25 in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache:

Der Mann-Mensch erkannte seine Frau noch einmal; sie gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Set, "denn seht, Gott hat mir einen anderen Nachkommen gesetzt anstelle Abels, denn Kain hat ihn getötet."

Ja, Set lebt anstelle des getöteten Abel. Und doch ist er kein zweiter Abel, er hat einen eigenen Namen. Er ersetzt den Toten nicht, aber er zeigt, dass das Leben nicht vor dem Tod kapituliert.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 16

Ich bin nicht besser als meine Väter

"Ich bin nicht besser als meine Väter", sagt der fliehende und lebensmüde Elia. Der Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Ich bin in den letzten Wochen der NS-Zeit geboren. Ich wollte besser sein als die Väter, nie zum Unrecht schweigen, nie Gewalt üben. Und heute? Eine Welt voller Ausbeutung, Gewalt und Kriege - und ich bin deren Nutznießer. Ich kann nicht einmal behaupten, davon hätte ich nichts gewusst.

Elia will besser sein als die Väter. Das Scheitern an der selbst auferlegten Norm schlägt ins Gegenteil um. Wenn er schon nicht alles kann, will er wenigstens an allem Schuld sein. - Ein Gottesbote bringt den Lebensmüden wieder auf die Beine. Er hält ihm keine Mahnrede, er stellt ihm etwas zu essen hin. Und dann Gottes Stimme - nicht im Sturm, im Erdbeben oder im Feuer, sondern so leise, wie Elia sie in diesem Moment ertragen kann.

Ein Sprung ganz ans Ende des Alten Testaments. Elia wird wiederkommen und "das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern umkehren lassen". Elia hat sein Leben nicht verfehlt, weil er nicht besser ist als die Väter. Kann, wer das gelernt hat, die Generationen versöhnen?

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 15

Wo bleibt der ältere Sohn?

"Na, toll, immer dasselbe: der Kleine kriegt, was er will, kann machen, was er will, ganz gleich, welchen Mist - wenn er am Ende angekrochen kommt, wird für ihn das Fest gefeiert, das Kalb geschlachtet. Und wir alle sollen mitfeiern, besten Dank, ohne mich dieses Mal!" Mit diesen Worten wandte sich der ältere Sohn um und ging, allein.

Die Geschichte vom 'verlorenen Sohn'; in der Regel erzählt aus der Sicht des Jüngeren, der seinen eigenen Weg - wenn auch in die Irre - geht und dann zur Freude seines Vaters gerade rechtzeitig umkehrt. Oder sie wird erzählt mit Blick auf die grenzenlose Liebe des Vaters, der diesem seinem jüngeren Sohn verzeiht, ihn ohne Fragen wieder aufnimmt, zur Feier seiner Rückkehr ein großes Fest veranstaltet.

Wo bleibt da der ältere Sohn? Der, der immer da war? Der, der seinen Pflichten nachgekommen ist, seinen Teil getan hat, alle Arbeit übernommen, die Verantwortung auch, der für seine alternden Eltern gesorgt hat, wie es die Gebote von ihm verlangen? Kommt er sich vor lauter 'Funktionieren' womöglich auch vor wie tot? Wie zeigt der Vater ihm seine Liebe? Ist es wirklich damit getan, dass er gesagt bekommt, er hätte doch die ganze Zeit alles haben können, wenn er nur zugegriffen hätte?

Kerstin Schiffner

Heilige Familie - Impuls 14

Die erstarrte Überlebende

"Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule" - so lautet 1. Mose 19,26 in den Lutherbibeln. "Weib" - das klingt heute, anders als noch bei Luther, verächtlich und bestärkt so den Eindruck, sie sei für eine Schuld bestraft worden. Gott hatte Lot eingeschärft, auf der Flucht nicht auf die Vernichtung der bösen Stadt Sodom zu schauen. Aber Lots Frau schaut - und erstarrt. Zur Strafe? Hatte auch sie das Verbot vernommen? Im Text steht es nicht. Nein, ihre Erstarrung ist die Folge des Blicks.

Wer das Entsetzliche sieht, kann schier erstarren. Das mythische Bild von der Salzsäule ist da ganz realistisch.

Eine genaue Übersetzung des hebräischen Bibeltextes kann aber noch etwas zeigen. Da steht: "Und es blickte seine Frau hinter ihm zurück und sie wurde zur Salzsäule." Lot ging voran und seine Frau hinter ihm. Wäre er neben ihr gegangen, so eine jüdische Auslegung, hätte er ihr beistehen können.

Traumatische Erfahrungen lassen Menschen erstarren. Damit sie nicht gänzlich versteinern, sollen die Anderen - gerade in der Familie - sie nicht hinter sich lassen, sondern mit ihnen gehen und ihnen beistehen.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 13

Eine Frau, die einen Mann liebt

Dass Gott Menschen liebt und Menschen Gott, dass wir unsere Nächsten lieben sollen, dass Männer Frauen und Männer Männer lieben - all das wird in der Bibel oft zum Thema. Aber es gibt nur eine einzige Frau, von der eine biblische Erzählung sagt, dass sie einen Mann liebt. Es ist nicht Eva und nicht Rahel, nicht Maria und nicht Maria Magdalena - es ist Michal, die Tochter des Königs Saul.

"Sauls Tochter Michal liebte David", heißt es in 1. Samuel 18,20 und noch einmal in 18,28. Sie wird mit Sauls Zustimmung Davids Frau. Michals Beziehung zu David ist zwiespältig. So rettet sie sein Leben, als Saul ihn töten will; aber sie kritisiert und verachtet ihn auch, als er entblößt hinter der Bundeslade tanzt. 2. Sam 6,23 notiert: "Michal aber, die Tochter Sauls, bekam bis zu ihrem Tod kein Kind." Weil Gott es so wollte? Weil David nicht mehr mit ihr schlief? Weil sie sich David verweigerte? Die Erzählung lässt das offen. David bekommt Kinder von mehreren anderen Frauen.

Michal also ist die einzige Frau, von der die Bibel erzählt, sie liebe einen Mann. Macht sie das zu einer besonderen Figur? Oder zeigt es, wie bestürzend wenig die Bibel von den Gefühlen von Frauen spricht?

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 12

Verwaiste Mutter

Das eigene Kind beerdigen zu müssen, gehört zu den schrecklichsten Erfahrungen, mit denen eine Mutter oder ein Vater konfrontiert werden können. Die biblische Geschichte der Witwe aus Nain spitzt diese Erfahrung noch einmal zu:

Eine Witwe verliert ihren einzigen Sohn, als dieser gerade alt genug ist, um von nun an die Verantwortung für sie mit zu übernehmen. Das Aus aller Hoffnungen, die die Frau aus Nain mit ihrem Sohn verbunden hat, verknüpft mit der bitteren Erkenntnis, dass von nun an das tägliche Brot noch einmal mehr zur Überlebensfrage werden wird. Eben dies unterscheidet sie bei aller Gemeinsamkeit von heutigen verwaisten Eltern Wir kennen den Schmerz dieser Frau, erleben ihn existenziell, aber nur in den seltensten Fällen als Frage wirtschaftlichen Überlebens.

Jesus, den wir als Sohn kennen und bekennen, hält den Schmerz der Mutter nicht aus. Unaufgefordert mischt er sich ein: "Weine nicht!", sagt er zu ihr und zu ihm "Steh auf!". Als der Sohn dieser Aufforderung Folge leistet, "gibt Jesus ihn seiner Mutter". Um der Frau willen, deren Leben und Lebensgrundlage mit auf dem Weg ins Grab gewesen sind, erfolgt Jesu Intervention.

Ich frage mich: Welche 'Wege aus den Gräbern' bietet die Kirche heute verwaisten Eltern an?

Kerstin Schiffner

Heilige Familie - Impuls 11

Zickenkrieg oder Gotteskampf?

Rahel kann es nicht fassen:

"Kämpfe Gottes habe ich gekämpft mit meiner Schwester und habe es auch gekonnt!" (1. Mose 30, Vers 8; Bibel in gerechter Sprache)

Und wie erzählt Ihr Leas und meine Geschichte? Ihr erzählt sie als Zickenkrieg zwischen den Schwestern Rahel und Lea.

Aber das war es nicht! Ich habe nicht mit Lea gekämpft und Lea nicht mit mir!

Wir haben uns beide wie Verliererinnen gefühlt: Lea,  die ungeliebte Erstfrau Jakobs, die unser Vater Laban ihm listig untergeschoben hat. Und ich war die Zweitfrau, der die Liebe des Ehemannes als Lebensinhalt genügen sollte.
So hatten wir uns unser Leben aber beide nicht geträumt!

Und als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, musste sich dann auch noch Gott einmischen! Gott hat dafür gesorgt, dass Lea Kinder bekam und mir wurden sie verweigert.

Was gilt eine Frau ohne Kinder denn in euren Augen - nichts! Und was war Lea euch wert? Ebenfalls nichts - trotz ihrer Kinder? Sie konnte doch froh sein, einen Mann abgekriegt zu haben!?

Aber wir haben euer Spiel nicht mitgespielt! Glaubt ihr denn wirklich, Jakob hätte Laban jemals ohne unsere Zustimmung verlassen können? Lea und ich haben entschieden, dass wir nicht länger nach Labans Spielregeln leben wollten.

Wir haben diesen Kampf mit Gott gekämpft und haben Leben gewonnen.

Diana Klöpper

Die Geschichte der Schwestern Rahel und Lea können Sie in 1. Mose 29-31 nachlesen.

 

Heilige Familie - Impuls 10

Hagars ungehaltene Rede an Abraham

"Ich kam zurück und duckte mich wieder unter Saras Herrschaft. Weißt du, warum? Um dich nicht aus der Verantwortung für unseren Sohn Ismael zu entlassen. Du hast ihn akzeptiert, das immerhin. Ich dachte, wir kämen halbwegs zurecht. Bis Sara den Isaak bekam. Ihr freutet euch riesig. Nein, ich war nicht neidisch, nun hatten wir doch beide ein Kind von dir. Aber dann ging es wieder los. Sie hätte gesehen, wie mein Ismael mit ihrem Isaak scherzte. Das Wort "scherzte" sprach sie so eigentümlich aus. Als ob er mit ihm Doktorspiele getrieben hätte! Du sollst uns wegschicken, sagte sie. Nun sprach sie vom Erbe, das allein Isaak zukomme.

Und du? Erst warst du verdrossen, aber dann hörtest du auf Sara und sagtest, Gott selbst habe dir das geboten. Du schickst uns in die Wüste. Generös gabst du mir einen Wasserschlauch und ein Brot mit. Fehlte nur noch, du hättest uns eine glückliche Wüstenzeit gewünscht. Abraham, du bist ein Feigling!

Wir gehen. Wir gehen in eine ungewisse Zukunft. Aber vergiss nicht: Auch Ismael ist dein Sohn! Viele Menschen und womöglich ganze Völker werden dich einst ihren Vater nennen. Es wird sich zeigen, ob sie das verbindet oder noch mehr trennt."

Jürgen Ebach

Diese Rede hält Hagar in der Bibel (1. Mose 21) nicht.

Heilige Familie - Impuls 9

Hannas Wunsch: Liebe und ein Kind

"Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Kinder?" Mit diesen Worten hatte er sich umgedreht und war gegangen, ratlos, verzweifelt, auch wütend... Und sie? Hanna war stumm geblieben; was hätte sie auch sagen sollen? Die Wahrheit? Dass es nicht fair war, das gegeneinander auszuspielen, dass ihre Sehnsucht danach, eigene Kinder zu haben, mitunter körperlich spürbar war, das Loch in ihrem Bauch immer größer wurde? Dass es mit jedem hämischen Blick, jeder beiläufigen Gehässigkeit der anderen Frau schlimmer wurde? Am schlimmsten war es, wenn alle feierten, Gott Dankopfer darbrachten, Dank für fruchtbares Leben... Der blanke Hohn, wie sie dazwischen saß. Da half ihr auch seine noch so große Liebe nichts. Es änderte ja doch nichts daran: Jeden Monat aufs Neue, manchmal auch mehrere Monate hintereinander: Hoffen, Bangen - und dann wieder nichts, nicht schwanger oder nicht mehr schwanger...

Hanna flüchtet aus ihrer ausweglosen Situation ins Heiligtum, betet, weint, klagt; und Gott hört sie: Sie wird schwanger, gibt ihren Sohn Samuel - wie zuvor Gott versprochen - als Priester zum Heiligtum und bekommt danach noch zwei Töchter und drei Söhne "anstelle des Erbetenen".

Ich frage mich, wie liest sich dieses 'happy end' für Frauen, die Hannas anfangs unerfüllten Kinderwunsch auf das bitterste und schmerzlichste am eigenen Leib erfahren?

Kerstin Schiffner

Hier können Sie die Geschichte von Hanna nachlesen.

Heilige Familie - Impuls 8

Dreiecksbeziehung

1. Mose 16 handelt von Saras Versuch, das Problem ihrer quälenden Kinderlosigkeit zu lösen. Ihr Mann Abraham soll mit ihrer Sklavin Hagar schlafen und sie will das künftige Kind als ihres annehmen. So wird es beschlossen. Hagar bleibt Saras Sklavin, aber sie ist nun auch Abrahams Frau. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Je mehr die Schwangere an Gewicht zunimmt, desto weniger Gewicht hat in ihren Augen ihre Herrin. Diese bedrückt ihre Sklavin so, dass sie flieht.

Da sind gleich drei traurige Figuren. Sara, die unter der Last der Kinderlosigkeit leidet. Die Sklavin Hagar, deren Mutterschaft mit Unterdrückung heimgezahlt wird. Von Abraham erzählt die Geschichte, dass er sich aus dem Konflikt lieber heraushalten will. Er gibt da eine kümmerliche Figur ab.

Die Bibel erzählt das ohne moralisierendes Urteil. Zuweilen ist ganz Ungewöhnliches erlaubt. Aber – mit einem Satz des Neuen Testaments: „Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir." (1. Korinther 6,12). Manche Versuche, ein Problem zu lösen, werden selbst zum Problem. Die Bibel erzählt nicht nur von dem, was aufgeht.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 7

Die Beschneidung Jesu

Die Sonderbriefmarke zum 200jährigem Jubiläum der Deutschen Bibelgesellschaft

Das Kirchenjahr beginnt am 1. Advent, aber auch der 1. Januar war ein besonderer Tag, nämlich "Das Fest der Beschneidung des Herrn". Jesus, als Jude geboren und Jude sein Leben lang, wurde am 8. Tag nach der Geburt beschnitten. Das steht bei Lukas, aber jetzt auch auf einem ganz anderen Blatt. Zum 200. Jubiläum der Deutschen Bibelgesellschaft erschien eine 85-Cent-Sonderbriefmarke. Sie zeigt eine Seite des Lukasevangeliums in einer alten Bibel. Da liest man Lukas 2,21 in Luthers Übersetzung:

"Und da acht Tage um waren, daß das Kind beschnitten würde; da ward sein Name genannt JEsus, welcher genannt war von dem Engel, ehe denn er in Mutterleibe empfangen ward."

Die Marke erschien zufällig, als in Deutschland über die Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen gestritten wurde. Wie lässt sich ein grundlegender religiöser Brauch mit den Gesetzen eines modernen Staates verbinden? Da gibt es keine leichte Lösung, aber es muss für toratreue jüdische Familien möglich bleiben, in Deutschland Kinder zu bekommen.

Die für Christinnen und Christen „heilige Familie“ – Maria, Josef und Jesus - besteht aus jüdischen Menschen. Dass jetzt auch eine Briefmarke daran erinnert, ist nicht schlecht.

Jürgen Ebach

Heilige Familie - Impuls 6

Wahre Verwandte - Fürchtet Euch nicht!

Unser erstes Weihnachten ohne meinen Mann. Weihnachten war nicht ausgefallen – diese Macht hat der Tod nicht!

Weihnachten – das Fest der Familie. Und ich hatte alle ausgeladen: meine Eltern, die Schwiegereltern, meine Geschwister.

Es wurde dann der ruhigste Heiligabend, den ich je mit meinen Kindern erlebt hatte – vielleicht, eil wir einfach keine besonderen Erwartungen gehabt hatten.

Abends, nach dem Gottesdienst waren Freunde aus dem Haus für eine Stunde zu Besuch gekommen. Sie hatten für uns gekocht, wie so oft in diesem Jahr.

Nachdem sie gegangen waren, öffneten wir die Päckchen und Grüße, die von meinen Eltern und Geschwistern, von Verwandten, Freundinnen, Freunden und Bekannten in den letzten Tagen mit der Post gekommen oder bei uns abgegeben worden waren. Sie alle hatten eine Botschaft: Ihr seid nicht allein! (Vgl. Jak 1,27)

Unsere Familie hatte sich verändert, sie war gewachsen in dem letzten Jahr. Sie alle waren unsere wahren Verwandten (Lk 8,19-21), unsere Familie.

Die alte Botschaft der Engel "Fürchtet Euch nicht!", sie hatte mich in diesem unmöglichen Jahr auf ganz neue Art und Weise berührt.

Diana Klöpper

Anregung:

Gehen Sie der Frage nach: Wer sind meine Verwandten? Lesen Sie dazu die beiden biblischen Texte und die Statements zu "Familie ist…" in der Hauptvorlage auf Seite 6 und 7.

Lukas 8, 19-21

Einmal kamen Jesu Mutter und seine Brüder und wollten ihn sprechen. Doch wegen der Menschenmenge konnten sie nicht bis zu ihm durchkommen. Man teilte ihm mit: "Deine Mutter und deine Brüder stehen vor dem Haus und möchten dich sehen." Doch Jesus erwiderte: "Meine Mutter und meine Brüder sind alle, die das Wort Gottes hören und danach handeln." 

Jakobus 1, 27

Echte und untadelige Frömmigkeit, die vor Gott, dem Vater, bestehen kann, zeigt sich darin, dass man Waisen und Witwen in ihrer Not beisteht und sich vom gottlosen Treiben dieser Welt nicht beschmutzen lässt.

 

Heilige Familie - Impuls 5

Schwierige Vaterschaft

Menschen können mehr als eine Mutter und mehr als einen Vater haben, leibliche und soziale Eltern. Davon erzählt auch die Bibel mehrfach, bei Mose beispielsweise – und bei Jesus. Die Vaterrolle anzunehmen fällt Josef nicht leicht. Seine Frau Maria ist schwanger – nicht von ihm. Eigentlich müsste er die Umstände rechtlich klären lassen. Aber um seiner Frau diese Demütigung zu ersparen, so erzählt es Matthäus, will er sich stillschweigend von ihr trennen. Aber dann sagt ein Gottesbote im Traum zu ihm:

„Josef, Nachkomme Davids, scheue dich nicht, deine Frau Maria zu dir zu nehmen. Das Kind, mit dem sie schwanger ist, kommt von der heiligen Geistkraft.“

Und Josef hört darauf. Da bleiben große Fragen an die Geburtsgeschichten Jesu, bei Matthäus und bei Lukas. Maria bringt ein Kind zur Welt, das vom – im Textgefüge eher weiblich gezeichneten – heiligen Geist kommt. Hat es dann zwei Mütter? Und was ist mit dem männlichen Erzeuger? Oder sollen wir an eine biologische Jungfrauengeburt glauben? Wir erfahren nur, was die biblischen Legenden erzählen. Eben auch von dem Mann, der seine Vaterrolle in wunderbarer Weise wahr- und annimmt. Josef ist in vielen Krippendarstellungen nur eine Randfigur. Hat er das verdient?

Jürgen Ebach

 

Heilige Familie - Impuls 4

Minderjährig, allein stehend und schwanger

Gerade noch war alles wie immer. Und jetzt? Alles auf den Kopf gestellt, ihr ganzes Leben umgekrempelt: schwanger mit einem Kind Gottes. Wer sollte das glauben? Ihr selbst fiel es ja schwer genug. Und warum eigentlich sie? Eine ganz normale junge Frau, eigentlich noch ein Mädchen, unverheiratet, ein Niemand in den Augen ihrer Umwelt. Plötzlich diese Botschaft, plötzlich sie im Mittelpunkt, gefragt. Und dann hatte sie sich selbst antworten hören: "Für mich soll es so werden, wie du gesagt hast. Ich bin ganz für Gott da." Sie hatte tatsächlich Ja gesagt, Ja zu diesem Kind, explizit Ja zu Gottes fragendem Auftrag. Fast fühlte es sich an, als wäre in ihr der Mut der 'großen' Mirjam, der Prophetin vom Schilfmeer, nach der ihre Eltern sie benannt hatten, wieder aufgelebt.

Die sprichwörtlich gewordene ‚Heilige Familie‘ ist weder in ihren Anfängen noch später ein Hort der Idylle, ist nicht ‚heil‘, wenn das hieße, alles ginge glatt und nach Plan. "Bei Gott ist nichts unmöglich" lautet vielmehr das Motto für das Setting, in dem Gott Mensch wird. Da werden alte Frauen schwanger und junge Mädchen auch – und singen ein Loblied auf Gottes Macht, die die irdischen Verhältnisse auf den Kopf stellt (Lk 1,46-55).

Kerstin Schiffner

Heilige Familie: Impuls 3

Sie schläft nur!

Langsam wird es dunkel, nur noch wenig Licht dringt durch die Oberlichter der Krankenhauskapelle. In der letzten Reihe, gleich an der Wand sitzt eine Frau – allein.

In den letzen Monaten ist sie häufig hier gewesen. Die Kapelle ist ihr Zufluchtsort. Immer wenn ihre Tochter eingeschlafen war, ist sie leise aus dem Zimmer geschlichen. An der Tür hat sie nochmal zurück geblickt auf das schlafende Kindergesicht

In der Kapelle kann sie ihre Tränen fließen lassen. Dort ist Raum für die unfassbare Angst, die sich in ihr breit macht: Was, wenn die Medikamente nicht helfen? Wie soll sie ohne ihr Kind weiter leben? Manchmal hat sie Trost gefunden in der Kapelle. Die Geschichte von der Tochter des Jairus ist ihr oft durch den Kopf gegangen: Alle waren sich sicher, dass das Mädchen gestorben sei. Nur Jesus sagte: "Sie schläft nur!"

So wie ihre Tochter oben auf der Station in ihrem Bett.

Heute ist alles anders. Die Ärztin kommt zu ihr: "Sie können jetzt noch einmal zu ihrer Tochter gehen, wenn sie wollen." Sie will! Auch wenn niemand mehr kommen und sagen würde: "Sie schläft nur!"

Diana Klöpper

Heilige Familie: Impuls 2

Eva, die Mutter aller, die leben

Liest man, was die Bibel in 1. Mose 3 und 4 vom ersten Menschenpaar erzählt, so zeigt Sie sich als die stärkere. Sie diskutiert mit der Schlange über die Wahrheit, ihr Griff nach der verbotenen Frucht lässt die Menschen erkennen, was gut und was böse ist. Sie bleibt die stärkere auch nach dem Weg aus dem geschlossenen Garten in die offene Welt. Nun bekommt sie den Namen Eva (Chawwa), "die Mutter aller, die leben". In der Geburt des ersten Sohnes ist sie Gottes Mitschöpferin.

Die Mutter aller, die leben. Gibt es einen größeren Ehrentitel für eine Frau? Aber das hat eine bedrückende Kehrseite für die Evastöchter, die ungewollt oder gewollt nicht Mutter werden. Haben die ihre vornehmste Aufgabe in der Familie verfehlt?

Annette Kurschus zeigte in ihrem Präsesbericht auf der Westfälischen Synode, wie kurzschlüssig das wäre: " 'Hast du Familie?', fragen wir – und meinen damit: 'Bist du verheiratet und hast Du Kinder?' " Der Satz, Familie sei da, wo Kinder sind, so Annette Kurschus weiter, "führt, solange er alleine steht, in die Irre. Er rückt nur die Nachkommen in den Blick. Er macht damit die familienlos, die keine Nachkommen haben."

Jürgen Ebach

 

Heilige Familie: Impuls 1

Späte Eltern – Elisabeth und Zacharias

Lange sehnsüchtig erwartet, langsam jenseits aller Hoffnung, mit der Herablassung und anderen Urteilen der Umwelt notgedrungen lebend – und dann, dem Himmel sei Dank, doch noch schwanger: Elisabeth jubelt mit Maria. Ihrem Ehemann Zacharias verschlägt es erst einmal die Sprache. Als Gnadengeschenk Gottes verstehen sie ihren Sohn und nennen ihn auch so: Johannes (Jochanan = Gott ist gnädig) Große Erwartungen, große Hoffnungen ruhen auf diesem späten Glück. Der Vater besingt seine Zukunftsvision für seinen Sohn in einem Lied. Johannes wächst heran, von Geschwistern ist nicht die Rede, er bleibt das einzige Kind seiner Eltern. (Lukas 1)

Zwei Kapitel später: Der Spätgeborene begegnet als erwachsener Mann, als "Johannes der Täufer", der die Menschen seiner Zeit zur Umkehr aufruft. Das Wunschkind stellt sich  in offener prophetischer Rebellion gegen ‚das System‘, zu dessen RepräsentantInnen auch seine Eltern als Angehörige der Priesterklasse zählen. Er lebt als ‚Outsider‘, nicht zuletzt durch Kleidung und Essgewohnheiten schon als solcher erkennbar.

Der biblische Text enthält sich dabei jeder Kommentierung oder gar Verknüpfung. Solche Brücken zu bauen, bleibt uns als den Lesenden überlassen: Könnte es sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was Johannes in seiner Familie erlebt hat, und seinem Aufbruch als Bußprediger zu leben? (Lukas 3)

Kerstin Schiffner

Anregung:

Lesen Sie den biblischen Text von Elisabeth und Zacharias sowie den von Johannes dem Täufer!

Lassen Sie sich von der Frage am Ende des biblischen Impulses "Späte Eltern" anregen!

Vergleichen Sie Ihre Antworten mit den Ausführungen in dem Abschnitt "Familie als primärer Ort religiöser Sozialisation" in der Hauptvorlage, Seite 53f.!

Heilige Familie

Mama, Papa und die lieben Kleinen?!

Ein Jahr Hauptvorlage – ein Jahr biblische Texte (neu) entdecken
In der Rubrik "Heilige Familie" gibt es ein Jahr lang Woche für Woche, immer wieder freitags eine biblische Spurensuche:

  • Wie ist es in der Bibel mit der Familie?
  • Wer lebt Familie wie?
  • Gibt es Modelle?
  • Welche Formen familiären Lebens begegnen uns?
  • Welche Träume, Wünsche, welche Verletzungen auch?
  • Wie steht es um den Familienfrieden bei Abraham, Sara, Hagar und Ketura?
  • Was war nochmal mit Zelophad, dem allein erziehenden (?) Vater von fünf Töchtern?

Um diese und ähnliche Fragen geht es in kurzen Beiträgen; nicht um Ideale zu postulieren, nicht um Regeln zu definieren, sondern, um sich einladen zu lassen in die bunte, vielfältige Welt, in der die biblischen Texte von Menschen und ihren Familien-Banden erzählen.

‚Kurz‘ ist übrigens wörtlich gemeint: kein Beitrag soll länger werden als der heute hier zu lesende. Wir freuen uns, wenn Sie sich danach auf das Original einlassen, den biblischen Text in Ruhe selbst lesen. Und wer durch unsere Impulse Lust auf mehr bekommen hat, wird immer mal wieder auch Hinweise auf ausführlichere Beiträge erhalten, versprochen. Außerdem laden wir Sie herzlich ein, Ihre Gedanken zu den biblischen Familien, die Ihnen in den nächsten Wochen wieder oder auch ganz neu begegnen, mit uns zu teilen. Schreiben Sie uns Ihre Reaktionen.

 

Dr. Kerstin Schiffner und Team

Impulse im Überblick

 
 
 
 
Biblische Impulse